TIBETISCHER BUDDHISMUS

Urgyen Menla / Guru Padmasambhava

Tibets König Trisong Detsen lud den tantrischen Meister Padmasambhava aus Indien ein, um den Buddhismus nach Tibet zu bringen. Dieser ging 749 nach Tibet, unterwarf die negativen Kräfte und verschaffte dem Dharma einen so festen Platz, dass der Vajrayana-Buddhismus zum Lebens-mittelpunkt des tibetischen Volkes wurde.

Padmasambhava studierte in Indien die ayurvedische und die Medizin der Siddhas und war ein grosser Meister der tantrischen Medizin.

Die vier edlen Wahrheiten

1. Die Wahrheit vom Leiden

- Leid des Leids:                  Geburt, Krankheit, Alter, Tod

- Leid der Veränderung:    Alles was schön und erstrebenswert erscheint, bringt schlussendlich Leid

- Leid des Bedingtseins:    Solange wir eine falsche Auffassung bezüglich der Natur der Dinge haben,

                                              folgt ein Leid dem anderen

2. Die Wahrheit vom Ursprung des Leidens

- Unwissenheit:                  Unwissenheit bezüglich der Kausalitätsgesetze (Ursache und Wirkung)

                                             Unwissenheit bezüglich der letztlichen Natur der Wirklichkeit

3. Die Wahrheit von der Überwindung des Leidens

- Leerheit

4. Die Wahrheit vom Weg zur Überwindung des Leidens

- Die Drei Juwelen:            Buddha - Meister, der den Weg zeigt

                                             Dharma - Unterweisungen

                                             Sangha - Gemeinschaft der Dharmapraktizierenden

Unwissenheit

Unwissenheit ist die Ursache allen Leidens. Wir erkennen nicht die Zusammenhänge

von Ursache und Wirkung und machen uns vor, unabhängig existierende Wesen zu sein. Dadurch entsteht unsere Anhaftung an uns selbst und an materielle Dinge. Alles was uns dabei im Wege steht ruft Abneigung und Hass hervor. Unser Ich-Wahn manifestiert sich, wir haben eine falsche Sichtweise entwickelt, wir sind in der Verblendung.

Die Unwissenheit oder das Nicht-Erkennen ist die Quelle aller zerstörerischen Handlungsweisen von Körper, Rede und Geist. Wir konstruieren unsere eigene Wirklichkeit, diese Sicht prägt dann unser gesamtes Leben und färbt unsere gesamte Wahrnehmung. Wir projizieren ständig irgendwelche Eigenschaften auf die Welt. Wenn wir begreifen, dass es die wahre Realität von Dingen und Ereignissen gar nicht gibt, werden wir verstehen können, dass den Emotionen jegliche gültige Grundlage fehlt, wie stark und real sie sich auch anfühlen mögen. Sie werden unhaltbar, sobald man erkannt und verstanden hat, dass sie auf einer falschen Annahme bezüglich der Wirklichkeit beruhen. Die starken Emotionen, die unseren Geist in Unruhe versetzen, entstehen aus dieser grundlegenden Verwirrung, alles sei real und unabhängig existierend.

Durch unsere Unwissenheit entstehen die drei Geistesgifte:

- Gier ist die Begierde nach Stillung des Lebenshungers.

- Hass ist der Widerwille gegen alle Hindernisse.

- Verblendung ist die falsche Sichtweise, manifestiert als Ich-Wahn.

 

Die drei Geistesgifte beeinflussen das Gleichgewicht der drei nyes pa:

- rLung entsteht durch Gier/Anhaftung und steht für die Bewegung.

- Tripa (mKhris pa) entsteht durch Hass und steht für die Wärme.

- Bad kan entsteht durch Verblendung und steht für die Flüssigkeit.

Je mehr wir in der Begierde sind, desto weniger sind wir in der Dankbarkeit und Wertschätzung, desto unzufriedener sind wir. Die Begierde verursacht eine rLung-Störung.

Wenn wir Hass und Abneigung spüren, sind wir nicht mehr im Mitgefühl und der Toleranz und sind sehr zerstörerisch. Der Hass verursacht eine Tripa-Störung.

Durch die Verblendung haben wir die klare Sichtweise verloren und sehen nur noch das Problem. Unsere Gedanken und Gefühle verursachen bereits durch ihr blosses Auftreten Störungen in unserem Geist und fügen uns inneres Leid zu. Die Verblendung verursacht eine Bad kan-Störung.

Karma / Le Gyü Dre - Ursache und Wirkung

 

Das Gesetz des Karmas spricht von Ursache und Wirkung. Das heisst unsere Lebenssituation weist auf unser Verhalten und auf unsere innere Haltung hin. Das Verständnis über die Zusammenhänge des Karmas kann helfen, Lebenssituationen besser anzunehmen und Selbstverantwortung zu übernehmen. Für die Tibeter bedeutet Karma, dass jeder die Verantwortung für seine Lebenssituation selber trägt und es immer darum geht, das Beste aus der gegebenen Situation zu machen, bzw. daraus zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Jede Situation birgt Chancen in sich, seine Situation und sein Karma zu verbessern.

 

"Wenn ich einen Apfelbaum pflanze, wird ein Apfelbaum wachsen und kein Orangenbaum."

S. H. Dalai Lama:

Ein Verhalten ist Ausdruck einer Philosophie. Wenn Sie anderen lebenden Wesen helfen können,

dann tun Sie es. Wenn Sie es nicht können, dann vermeiden Sie wenigstens, ihnen Schmerz zuzufügen. Dies ist ein Verhalten das auf Mitgefühl gründet, nicht aus Angst davor, Negativität anzusammeln, sondern eher aus einer freigebigen Haltung heraus, die uns daran hindert, andere zu verletzen. Alle Dinge stehen miteinander in Verbindung. Zukünftiges Wohlergehen oder Leiden hängt von vergangenem Handeln ab. Beides ist nicht voneinander zu trennen. Es ist also von Vorteil, im alltäglichen Leben eine heilsame Haltung des Denkens und Handelns einzunehmen. Dann kann sich auch der Erfolg einstellen. Das ist der Kern des Buddhismus. Weil Ihr euer eigener Herr seid, hängt alles von euch selbst ab.

Selbstdisziplin

Sich der Vergänglichkeit bewusst zu sein, verlangt Disziplin – das Zähmen des Geistes. Das bedeutet jedoch nicht Bestrafung oder Kontrolle von aussen. Disziplin heisst nicht Verbot. Disziplin heisst vielmehr, dass, wenn es einen Widerspruch zwischen lang- und kurzfristigen Interessen gibt, Sie den kurzfristigen Nutzen um des langfristigen Nutzens willen aufgeben. Das ist Selbst-Disziplin, welche aus dem Gewahrwerden von Ursache und Wirkung (Karma) entsteht.

Non-Dualität / Abhängiges Entstehen / Ten-dschung

Nichts existiert aus sich selbst heraus. Alles steht miteinander in Verbindung, beeinflusst und bestimmt sich wechselseitig, und ist wechselseitig voneinander abhängig. Alles ist zusammengesetzt und dadurch auch veränderlich. Somit hat nichts einen endgültigen Charakter. 

Leerheit

Wir projizieren ständig irgendwelche Eigenschaften auf die Welt. Wenn wir begreifen, dass es die wahre Realität von Dingen und Ereignissen gar nicht gibt, werden wir verstehen können, dass den Emotionen jegliche gültige Grundlage fehlt, wie stark und real sie sich auch anfühlen mögen. Sie werden unhaltbar, sobald man erkannt und verstanden hat, dass sie auf einer falschen Annahme bezüglich der Wirklichkeit beruhen. Die starken Emotionen, die unseren Geist in Unruhe versetzen, entstehen aus dieser grundlegenden Verwirrung, alles sei real und unabhängig existierend.

Befreiung ist die vollständige Beendigung der Verblendungen und des Leids durch die Erkenntnis der Leerheit.

Weil Phämomene in Abhängigkeit  entstehen, sind sie leer oder frei davon, unabhängig zu existieren.

Abhängiges Entstehen hat nicht wahre Existenz oder Identität zur Folge.

Wir sollten nicht denken, dass wir Eigenschaften entwickeln müssten, die nicht schon in uns angelegt wären. Die Fähigkeit, ohne Hindernisse zu wissen, ist in unserem Geist vorhanden, aber von Verblendungen verdeckt und verdunkelt, wie Wolken die den Himmel verdecken.

Mitgefühl

 

Die äussere Umgebung mag unfreundlich, vielleicht sogar feindselig sein, mit einer korrekten geistigen Einstellung wird diese Situation den Frieden im eigenen Geist nicht stören. Ist die Einstellung aber nicht korrekt, kann man von Freunden umgeben sein, die besten Möglichkeiten und Vorteile mögen einem offenstehen – man wird nicht glücklich sein können. Dies zeigt, dass die geistige Einstellung wichtiger ist als äussere Umstände. Trotzdem scheinen die meisten Menschen sich mehr um die äusseren Umstände zu kümmern, während sie ihre innere Einstellung vernachlässigen.

Es geht nicht um wohlbefinden, wohlbefinden macht süchtig, man möchte immer mehr davon.

Es geht um die Einstellung.

Manchmal ist unser Mitgefühl auch mit Mitleid vermischt. Das ist ein Fehler. Jede Liebe oder jedes Mitgefühl, das in irgendeiner Weise auf andere herabschaut, ist kein echtes Mitgefühl. Um echt zu sein, muss Mitgefühl von Respekt für den anderen geprägt sein. Grundsätzlich sollten wir uns in aller Offenheit begegnen. Der andere ist ein Mensch wie wir selbst. Es gibt gar nicht so viele Unterschiede zwischen uns.

Immer wenn Ärger entsteht, können Sie sich darin üben, das Objekt Ihres Ärgers in einem anderen Licht zu sehen. Jede Person, jeder Umstand, der Ärger verursacht, ist im Grunde genommen relativ. Unter einem bestimmten Gesichtspunkt macht es Sie wütend, unter einem anderen stellt man vielleicht ein paar positive Aspekte daran fest. Schwierigkeiten mögen enorm erscheinen, solange man sich in sie verbohrt, aber wenn man das gleiche Problem mit etwas Abstand betrachtet, sieht es schon kleiner aus. Mit dem entwickeln einer umfassenderen Sichtweise kann man jede schwierige Situation entschärfen.

Gewaltlosigkeit bedeutet Dialog. Man spricht miteinander, um sich verständlich zu machen. Dialog bedeutet Kompromissbereitschaft, das heisst, man hört dem anderen zu und respektiert seine Ansichten und Rechte.

Sich selbst zu lieben ist wichtig. Wenn wir uns selbst nicht mögen, wie können wir dann andere lieben? Manchmal reden Leute über Mitgefühl und erwecken den Eindruck, als würde Mitgefühl bedeuten, dass man die eigenen Interessen vollständig ignoriert, als müsste man sie wie ein grosses Opfer aufgeben. Das ist nicht der Fall. Ganz im Gegenteil sollte echte Liebe die eigene Person miteinbeziehen.

Meditation / Gom

Der tibetische Ausdruck für Buddhist lautet "nangpa".

Nang heisst "innen" und pa "jemand". Es bedeutet also, jemand mit Einsicht, jemand mit Innenschau, jemand der die Wahrheit nicht aussen sucht, sondern in sich, in der Natur seines Geistes.

Meditation bedeutet "Verweilen des Geistes". Mit Meditation möchte man also den Geist zur Ruhe bringen und dabei positiv ausrichten.

Wir lassen unsere Emotionen bewusst vorbeiziehen. Dadurch finden wir eine gewisse Distanz zu unseren Problemen und erleben weniger Leid. Meditation ist keine Flucht in irgendeine gedachte Wirklichkeit, sondern man muss mit beiden Füssen auf dem Boden stehen, das Gute und Schlechte erleben, aber sich nicht davon erfassen lassen. Wir können aus Leid und Problemen lernen, und das ist ein wichtiger Teil der Meditation. Wenn wir in der Meditation unseren Geist betrachten, erfahren wir, wie wir angemessen handeln können.

 

Es geht darum, mehr Bewusstheit in unser Leben, in unseren Alltag zu bringen.

Wenn wir alle unsere Handlungen mit Bewusstheit durchführen können, dann ist alles Meditation.

Tibetische 7-Punkte Meditationshaltung:

- Lotussitz; gekreuzte Beine, das Sitzkissen ist hinten etwas höher

  > Erd-Element beruhigt

- Samadhi-Mudra; vier Finger unterhalb des Bauchnabels, das Handgelenk ist gestreckt,

  die Handinnenflächen zeigen nach oben, die rechte Hand ist über der linken Hand,

  die Daumen berühren sich

  > Feuer-Element beruhigt

- Der Rücken ist gerade wie ein Pfeil

  > Wind-Element beruhigt

- Offener Brustkorb; Brustbein nach vorne drücken, Schulterblätter zusammen

  > Wind-Element beruhigt

- Das Kinn senken und leicht nach vorne beugen

  > Wind-Element beruhigt

- Die Augen sind leicht geschlossen, mit Blick in Richtung Nasenspitze

  > Raum-Element beruhigt

- Die Zungenspitze berührt den oberen Hartgaumen

  > Wasser-Element beruhigt

Der Geist ist klar, wach und präsent, wie der Tiger vor dem Sprung.

Grundlagen der Meditation:

4 Gedanken

1. Kostbares Menschenleben                  Selbstwertschätzung, Dankbarkeit für dieses Leben

2. Vergänglichkeit                                       Toleranz, Befreiung von Angst und Anhaftung

3. Ursache und Wirkung                           Ehrlichkeit, Eigenverantwortung

4. Samsara ist nicht perfekt                    Erwartungen vermindern, Leid akzeptieren

Grundlagen der Praxis:

6 Paramitas

 

1. Die Vollkommenheit des Gebens (Grosszügigkeit / Freigebigkeit)

    - Dharma

    - Schutz

    - Liebe und Mitgefühl

    - Materielles

2. Die Vollkommenheit der ethischen Disziplin (Ethik / Moral / Lebens- und Selbstdisziplin)

    Fehlverhalten des Körpers:

    - Töten

    - Stehlen/nehmen was uns nicht gegeben wurde

    - Sexuelles Fehlverhalten

    Fehlverhalten der Rede:

    - Lügen

    - Verleumden, Zwietracht säen

    - Verletzende Worte

    - Sinnloses Geschwätz

    Fehlverhalten des Geistes:

    - Habgier

    - Böse Absicht

    - Falsche Sichtweise

    Die 10 heilsamen Handlungen:

    - Das Leben anderer schützen

    - Freigiebig sein

    - Reines sexuelles Verhalten

    - Aufrichtig sein, die Wahrheit sagen

    - Zerstrittene und Befeindete aussöhnen

    - Ruhig und vertrauenswürdig sprechen

    - Sinnvolles sagen

    - Wenig begehren, zufrieden sein

    - Sich in Liebe und dergleichen Qualitäten üben

    - Sich dem zuwenden was wahr und sinnvoll ist

3. Die Vollkommenheit der Geduld (Bescheidenheit, Zurückhaltung)

4. Die Vollkommenheit der freudigen Ausdauer

5. Die Vollkommenheit der Sammlung (Konzentration)

6. Die Vollkommenheit der Weisheit (Leerheit)

Diese Informationen dienen nur einem kurzen Überblick und behandeln die angesprochenen Themen nicht abschliessend.

Sie entsprechen meinem momentanen Wissensstand, erklären die Themen sehr vereinfacht und können Unstimmigkeiten aufweisen.

© 2017 Janka Schweizer